Fünf Frauen und ein Stein

12. Juli 2008 | von Nicole Buchman

Andrea Endres aus der Nähe von Fürth lernt beim Künstler Herbert Hundrich Bildhauen. Nicole Buchmann

PAMPIN - Der Beitel klingt hell auf dem Stein, der vor Andrea Endres auf einem Holzbock liegt. Sie fährt mit den behandschuhten Fingern über die Krümmung und will ihr folgen. Will aus den vorhandenen Linien etwas Neues herausschlagen. In der "academy of stone" von Herbert Hundrich. In einer Akademie in Pampin inmitten ländlicher Ruhe, die die Arbeit mit der Kunst im Blick hat - nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Hundrich unterrichtet auch auf Mallorca. Hat einen Teil seiner Schüler nach Mecklenburg geholt - derzeit arbeiten fünf Frauen hier. Und auch er will bleiben, schwärmt von der wunderbaren Landschaft. Wie Andrea Endres. Wenn der Stein behauen ist, will die 41-Jährige aus Fürth das Land bereisen.


18-9-2003 - Mallorca Zeitung

Tänzerinnen werden nicht aus Stein gemeißelt

In den Bildhauer-Kursen von Herbert Hundrich geht es darum seinen Ideen eine Gestalt zu geben

Von Sandra Gyurasits

Es geht hier nicht darum zu lernen, wie man aus einem groben Steinklotz eine filigrane Flamenco-Tänzerin macht. Es geht hier zwar um einen Bildhauer-Kurs, aber nicht um einen herkömmlichen. "Ich habe ein anderes Verständnis von Unterricht", sagt Herbert Hundrich. Der deutsche Künstler bietet im Oktober ein Seminar über freies künstlerisches Gestalten in seinem Atelier und Werkhof in Sineu an. "Das wird kein Naturkundestudium. Wir werden keine Blätter abzeichnen. Wer nur eine Technik lernen möchte, ist hier fehl am Platz", so der Lehrer.
Hundrich will mit seinem Kurs Menschen ansprechen, die dem, was sie denken, Gestalt geben wollen. Dabei ist die Technik nur Mittel zum Zweck. Worauf es ihm ankommt, ist die inhaltliche Auseinandersetzung. Die Seminar-Teilnehmer sind aufgefordert, Neues auszuprobieren und neue Werkstoffe kennen zu lernen. Das Ergebnis kann eine konkrete Figur, zum Beispiel die Flamenco-Tänzerin - allerdings nicht aus Stein - oder ein abstraktes Gebilde sein. Die Schüler sollen herausfinden, wie sie ihre Ideen in Einklang mit dem Material bringen.
Dabei können sie aus verschiedenen Stoffen auswählen: Sand-stein, Holz, Papier, Draht, Gips, Ton, Zement, Fliesen - auch Materialkollagen sind möglich. "Wer was auswählt ist eine Mentalitätsfrage", sagt Hundrich. "Wer gerne mit den Händen arbeiten möchte, widmet sich den Steinen und der Bildhauerei.
Der 53-Jährige bietet seinen Schülern zudem die Möglichkeit, den nächstgelegenen Steinbruch zu besuchen. Dort können sie sich ihren Brocken aussuchen und gleichzeitig beobachten, wie er aus dem Berg geholt wird. "Das Material ist gewachsen. Jeder Stein hat einen anderen Ton", erklärt Hundrich und schlägt leicht mit einem werkzeug gegen einen Klotz in seinem Atelier. Wenn der Ton hohl und metallisch klingt, handelt es sich um einen gut gewachsenen Stein, hört man ein dumpfes Geräusch, ist das Gegenteil der Fall.
An dem Seminar können Menschen teilnehmen, die sich das erste Mal an die Bildhauerei heranwagen und Kunst-Interessierte, die an einen Punkt gekommen sind, an dem es sich für sie nicht mehr weitergeht. "Ein Bleistift ist ein Bleistift und wird es auch in 200 Jahren noch sein", sagt Hundrich. "Es kommt darauf an, wie ich ihn benutze."
Interessierte, die aus Deutschland kommen, können sich für den Kurs vom 10. bis zum 17. Oktober anmelden. Diejenigen, die auf der Insel sind, lädt Hundrich zu einem Gespräch am Samstag (27.9.) um 15 in seinm Atelier in Sineu ein. "Wir entscheiden zusammen, wie und wann wir das Seminar organisieren wollen."
Gehämmert, gemeißelt und gewerkt wird unter freiem Himmel. Neben dem Atelier befindet sich der 950 Quadratmeter große Werkhof, auf dem sich die Kursteilnehmer einen Arbeitsplatz einrichten und sich an ihren Sandstein zu schaffen machen. Der Komplex in Sineu war eine Sportanlage, die 15 Jahre leer gestanden hat, bevor Hundrich sie gemietet und umgebaut hat. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

Mallorca Zeitung 18-9-2003

Der Werkhof war früher eine Art Sportplatz aus Beton, auf dem sich die Mallorquiner einer beliebten Sportartwidmeten, dem frontón. Dabei wird ein kleiner harter Ball mit der bloßen Hand, einer Art Lederhandschuh oder einem aus Korb geflochtenem Fangschläger gegen eine Mauer (frontón) geschlagen - so ähnlich wie beim heutigen Squash. Im Keller, den Hundrich als Lager umfunktioniert hat, befanden sich damals Umkleidekabine, Dusche und Toiletten.
Das Atelier war früher das Vereinsheim mit Bar-Tresen und Tanzfläche. "Niemand hat gedacht, das dies jemals eine Kunst-Werkstatt werden könnte", erinnert sich Hundrich. Nach zweimonatigem, "wahnsinnigen" Schuften, konnte er Ende Juli 1999 Einweihung feiern. "Als alles fertig war, kannte ich ungefähr 50 Leute mehr als vorher." Viele Mallorquiner hatten gehört, das auf der alten Sportanlage etwas passiert und wollten helfen.
Herbert Hundrich in eine Kunstschublade zu stecken, gelingt nicht. Er hat an den Kunsthochschulen in Hannover und Kassel Bildhauerei sowie Malerei studiert und sich viele Techniken angeeignet. Er beschäftigt sich zudem mit Tanztheater, Film und Video. "Je nach der Aufgabe wähle ich eine Technik. Geht es zum Beispiel um eine kapriziöse Tänzerin, werde ich sie nicht in Stein meißeln, sondern meine Idee ein einem Tanztheater umsetzen." Auf die Frage, was denn nun seine Hauptarbeit sei, antwortet er allerdings: "Verantwortungsbewusst durch das Leben zu gehen, und Dinge zu tun, die ich für richtig halte."
Ein Beispiel dafür war eine Austellung in seinem Atelier vor zwei Jahren. Die mallorquinische Schüler einer Abschlussklasse in Kunst wollten eigenständig - ohne Lehrer - ihre Werke präsentieren. Vergeblich suchten sie nach geeigneten Räumen. Keine öffentliche Einrichtung und keine Bank wollte helfen. Als Hundrich davon erfuhr, "war klar, dass ich helfe". 15 bis 20 Jugendliche, darunter auch Behinderte, haben zwei Wochen lang ihre Werke in seinem Atelier ausgestellt. Bei 700 Besuchern kann man getrost von einem Erfolg sprechen, sagt er.
Über seine eigene Kunst sagt er: "Meine Arbeit nervt die Leute. Zu viel Kraft, zu viel Individualismus, zu sperrig. Meine Bilder sind nicht marktgängig." Dennoch kann er vom Verkauf seiner Werke und Auftragsarbeiten leben. "Man muss sich anstrengen und Mut haben, um meine Kunst zu verkaufen", sagt Hundrich. Er arbeite seit 22 Jahren freischaffend und lasse sich nicht gängeln.


10-06-2004 - Mallorca Zeitung

Was aus Stein werden kann

Buddha oder Löwe: Die Schüler eines Bildhauerkurses stellen ihre Werke aus

Von Sandra Gyurasits

Seminare, Kurse, Workshops, die etwas mit Kunst zu tun haben, gibt es auf Mallorca zuhauf. Einige leiden jedoch an Teilnehmer-Mangel, andere bleiben eine einmalige Angelegenheit. Ganz offensichtlich eine Ausnahme ist der Bildhauerkurs, den der deutsche Künstler Herbert Hundrich in seinem Werkhof in Sineu anbietet. Nach dem ersten Seminar im Oktober, "wurde das ganze ein Selbstläufer" wie Hundrich sagt. Schüler und Lehrer waren gleichermaßen begeistert, so dass die Gruppe, bestehend aus zehn Leuten, beschloss dabei zu bleiben. Zwei weitere Kurse im Februar und April folgten, der vierte ist bereits geplant.
So viel Engagement, Motivation und Talent hat Hundrich beeindruckt. "Das hätte ich nie erwartet", sagt er. "Toll." Was seine Schüler alles aus Sandstein gemeißelt und gehämmert haben, können sich Interessierte am 19. Juni in einer Austellung ansehen. Ungefähr 21 Werke der Teilnehmer sind ausgestellt.
Da ist zum Beispiel der Buddha von Donald Bulder, der sich im April das erste Mal als Bildhauer versuchte. "Zuerst wusste ich gar nichts anzufangen mit dem Klotz", sagt der Holländer. "dann habe ich vier Stunden auf den Stein eingehämmert und alles um mich herum vergessen." Tina Koerth, die bei allen drei Kursen dabei war, hat sich gar nichts vorgenommen als sie anfing, mit ihrem Stein zu arbeiten. "Ich habe mich führen lassen durch den Stein", sagt sie. Was dabei entstand, ist ein beeindruckendes Vogelgesicht.

Mallorca Zeitung 10-6-2004

Ina Niggemeyer wusste genau, was aus ihrem Stein werden sollte. Sie macht dem deutschen Bildhauer Ernst Barlach Konkurrenz und hat sein Werk "Lachende Alte" (1937) nachmodeliert. "Das Lächeln war ganz schön schwierig", erzählt sie. Bei der Nase musste sie sich dem Stein beugen. Dennoch ist sie selbst überrascht was sie aus dem Stein geformt hat. Einer, der sich ebenfalls mit einem konkreten, wenn auch gewagten Modell vor Augen an die Arbeit machte ist Christoph Henn aus der Schweiz. Er verblüffte seine Kollegen mit der Ankündigung: "Ich mache einen Penis aus Stein." Sein Werk beweist, er hat sein Ziel erreicht.
Einer fällt auf in der Gruppe, der elfjährige Johannes Schmid, nicht nur, weil er der jüngste ist, auch weil er ein besonderes Talent hat. "Das höre ich am Ton, der entsteht, wenn Johannes den Meißel ansetzt", sagt Hundrich. Johannes hat einen Löwenkopf in Stein gehauen. "Eigentlich habe ich mir einen anderen Kopf vorgestellt. Aber dann ist ein Stück Stein weggebrochen, und der Löwe ist entstanden." Dass er wie die anderen auch am nächsten Kurs teilnimmt, ist für ihn keine Frage. Inzwischen hat sich die Gruppe von Herbert Hundrich einen eigenen Namen gegeben, Akademy of Stone.